Listen im Betriebsrat: Man muss sich nicht lieben - zusammenarbeiten reicht oft schon
Ein kleiner Praxisleitfaden für den täglichen Wahnsinn im Betriebsrat
Die Betriebsratswahl ist vorbei. Der Wahlkampf auch. Die Plakate hängen schief im Keller, die Flyer liegen noch irgendwo im Kofferraum – und plötzlich sitzen alle gemeinsam am Sitzungstisch.
Ø Die eine Liste wollte „endlich klare Kante“.
Ø Die andere „mehr Sachlichkeit“.
Ø Und mindestens eine Gruppe war der festen Überzeugung, dass ohne sie sowieso alles zusammenbricht.
Kurz gesagt: Der neue Betriebsrat ist vollständig arbeitsfähig. Also theoretisch.
Denn praktisch beginnt jetzt die eigentliche Herausforderung: Zusammenarbeit.
Und Hand aufs Herz: Nicht jeder Konflikt im Betriebsrat entsteht wegen schlechter Menschen. Manche entstehen schlicht, weil
Ø Menschen unterschiedlich sind,
Ø unterschiedliche Erfahrungen haben,
Ø unterschiedliche Temperamente,
Ø unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man Interessenvertretung „richtig“ macht.
Die gute Nachricht: Man muss sich im Betriebsrat nicht lieben. Es reicht oft völlig, wenn man gemeinsam arbeitsfähig bleibt und sich gelegentlich daran erinnert, dass man eigentlich für dieselbe Belegschaft arbeitet.
Der gefährlichste Satz im Betriebsrat
Es gibt Sätze, die jede Diskussion zuverlässig eskalieren lassen.
Ø Zum Beispiel: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Ø Oder: „Das versteht ihr einfach nicht.“
Ø Besonders beliebt nach Listenwahlen ist aber: „Typisch eure Liste.“
Spätestens jetzt wird aus einer Sachfrage ein Mannschaftssport.
Dabei liegt genau hier das Problem: Sobald Diskussionen nicht mehr um Inhalte gehen, sondern um Zugehörigkeiten, wird Zusammenarbeit schwierig. Interessanterweise beschreibt genau das auch die Kommunikationspsychologie. Das berühmte Vier-Ohren-Modell zeigt, dass Menschen Aussagen selten nur sachlich hören. Häufig wird vor allem die Beziehungsebene wahrgenommen. Das gilt im Betriebsrat genauso wie zuhause am Küchentisch.
Der Satz: „Vielleicht sollten wir das nochmal prüfen.“ kann deshalb je nach Tagesform übersetzt werden mit:
Ø „Guter Hinweis.“
Ø „Ihr habt keine Ahnung.“
Ø „Das war schlecht vorbereitet.“
Ø oder „Krieg.“
Kommunikation ist eben eine komplizierte Angelegenheit.
Vielfalt ist anstrengend – aber meistens besser
Ein Betriebsrat aus mehreren Listen ist häufig anstrengender als ein homogenes Gremium. Aber oft auch besser. Warum? Weil unterschiedliche Perspektiven verhindern, dass alle dieselben Denkfehler machen.
Ø Die einen achten stärker auf Kommunikation.
Ø Die anderen auf Strategie.
Ø Manche wollen schnell handeln, andere gründlich diskutieren.
Das nervt manchmal. Aber genau daraus entstehen oft die besseren Lösungen. Das Problem beginnt erst dann, wenn Unterschiede nicht mehr als Stärke gesehen werden, sondern nur noch als Bedrohung.
Love it, leave it or change it
Bei Konflikten gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten:
v Love it.
v Leave it.
v Change it.
Das klingt erstmal wie ein Motivationsspruch auf einer Kaffeetasse – ist aber erstaunlich praktisch.
Love it
Man akzeptiert, dass Menschen unterschiedlich sind.
Nicht jede Meinungsverschiedenheit muss gelöst werden. Demokratie bedeutet manchmal auch, Unterschiede auszuhalten.
Leave it
Man zieht sich zurück.
Im Betriebsrat ist das meistens keine gute Idee. Die Belegschaft hat schließlich niemanden gewählt, damit er schmollend innerlich kündigt.
Change it
Die dritte Möglichkeit ist die spannendste: Zusammenarbeit aktiv gestalten.
Und genau das funktioniert im Betriebsrat erstaunlich gut – wenn man es bewusst angeht.
Die wichtigste Erkenntnis: Konflikte verschwinden nicht von allein
Viele Betriebsräte hoffen nach der Wahl auf eine Art natürliche Beruhigung. Nach dem Motto: „Das wird sich schon einspielen.“ Manchmal stimmt das sogar. Oft aber auch nicht. Denn Konflikte haben die unangenehme Eigenschaft, sich unbeaufsichtigt weiterzuentwickeln. Die Kommunikationspsychologie nennt das Eskalation. Im Alltag heißt es eher: „Jetzt reden die wieder nicht miteinander.“ Oder: „Wir diskutieren seit zwei Stunden über die Reihenfolge der Tagesordnung.“
Praktische Dinge, die tatsächlich helfen
Die erfreuliche Nachricht lautet: Zusammenarbeit kann organisiert werden.
Ø Nicht perfekt.
Ø Aber deutlich besser.
Einige Dinge helfen in der Praxis erstaunlich zuverlässig.
1. Nicht jede Diskussion spontan führen
Viele Konflikte entstehen, weil Themen überraschend in Sitzungen auftauchen.
Besser:
Ø Tagesordnungen früh verschicken
Ø komplexe Themen vorbereiten
Ø Unterlagen rechtzeitig verteilen
Das klingt banal. Ist aber oft der Unterschied zwischen Diskussion und Explosion.
2. Regelmäßige Gespräche zwischen den Listen
Nicht nur in der offiziellen Sitzung reden. Kurze Abstimmungen zwischen Listensprechern wirken oft Wunder. Warum? Weil Menschen im kleinen Kreis meistens vernünftiger sind als vor Publikum.
3. Fragen helfen mehr als Gegenargumente
Ein erstaunlich wirksamer Satz lautet: „Wie meinst du das genau?“ Das wirkt oft besser als zehn Minuten Verteidigungsrede. Im hochgeladenen Konzept heißt es völlig zurecht:
Ø „Fragen führen besser als Argumente.“
Ø Und tatsächlich: Wer fragt, verhindert häufig Eskalation.
4. Nicht jede Mehrheit maximal ausnutzen
Ja, Mehrheiten dürfen entscheiden. Aber jede Mehrheit produziert auch eine Minderheit. Wer dauerhaft „durchregiert“, bekommt irgendwann die Rechnung präsentiert – meistens in Form passiver Gegenwehr.
5. Gemeinsam kleine Erfolge organisieren
Nichts verbessert Zusammenarbeit schneller als ein gemeinsamer Erfolg.
Ø Eine gute Betriebsvereinbarung.
Ø Eine gelöste Konfliktsituation.
Ø Eine erfolgreiche Aktion für die Belegschaft.
Plötzlich erinnern sich alle wieder daran, warum sie eigentlich im Betriebsrat sitzen.
Das 4R-Modell: Zusammenarbeit braucht Struktur
Für genau solche Situationen wurde das 4R-Modell entwickelt:
v Regeln
v Raum
v Respekt
v Resultate
Die Idee dahinter ist simpel:
Zusammenarbeit funktioniert besser, wenn sie nicht dem Zufall überlassen wird.
Regeln
Klare Absprachen verhindern viele Konflikte.
Raum
Jede Liste braucht Raum für ihre Perspektiven.
Respekt
Man muss sich nicht einig sein – aber man sollte sich vernünftig behandeln.
Resultate
Am Ende zählt, ob etwas für die Beschäftigten erreicht wird.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis für Betriebsräte nach einer Listenwahl: Man muss nicht beste Freunde werden.
Aber man sollte sich immer wieder daran erinnern: Die Kolleginnen und Kollegen draußen im Betrieb interessiert meistens weniger, welche Liste Recht hatte.
Sie interessiert vor allem, ob der Betriebsrat seine Arbeit macht. Und genau dabei hilft Zusammenarbeit. Selbst dann, wenn sie manchmal etwas anstrengend ist. Oder, um es realistischer zu formulieren: Ein guter Betriebsrat ist nicht konfliktfrei. Er ist konfliktfähig.
Klausur / Inhouse-Seminar
„Vom Wahlkampf zur Zusammenarbeit“
Mit dem 4R-Modell die Arbeitsfähigkeit des Betriebsrats stärken!
Im Mittelpunkt steht das 4R-Modell:
Ø Regeln
Ø Raum
Ø Respekt
Ø Resultate
Gemeinsam wird praktisch erarbeitet:
v Welche Konflikte im Gremium tatsächlich bearbeitet werden müssen
v Welche Unterschiede einfach akzeptiert werden können
v Wie Kommunikation verbessert werden kann
v Welche Regeln Zusammenarbeit erleichtern
Und wie aus Diskussionen wieder konkrete Ergebnisse für die Belegschaft entstehen
Typische Themen:
Ø Umgang mit Konflikten zwischen Listen
Ø Kommunikation und Eskalation im Betriebsrat
Ø „Love it, leave it or change it“ in der Praxis
Ø Das Vier-Ohren-Modell im Sitzungsalltag
Ø Wie Mehrheiten klug genutzt werden
Ø Wie man wieder gemeinsam arbeitsfähig wird
Das Format eignet sich besonders:
Ø nach einer Listenwahl
Ø bei festgefahrenen Diskussionen
Ø bei Lagerbildung im Gremium
Ø oder einfach dann, wenn Zusammenarbeit verbessert werden soll

















