Home-Office: Wenn die Grenze zwischen Arbeit- und Privatleben verschwimmen

Warum ist das Home-Office ein Risiko Faktor für die mentale Gesundheit?

Auch, wenn es allseits beliebt ist: Im Home-Office verschwimmen leicht die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Das erleichtert auf der einen Seite die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche, auf der anderen Seite kann die Entgrenzung zu einer großen Gefahr für die Gesundheit werden: Von Erschöpfung, ausgebrannt sein oder Schlafstörungen bis hin zu einem deutlich erhöhten Risiko einen Schlaganfall zu erleiden oder eine ischämische Herzerkrankung zu entwickeln. Mit fehlender Erholung ist nicht zu spaßen! Dem Betriebsrat fällt hier die Schlüsselrolle zu den Arbeits- und Gesundheitsschutz in das Home-Office zu bringen, Selbstgefährdungen zu identifizieren und mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen.

Die Corona-Pandemie hatte durch die Infektionsschutz-Maßnahmen einen unvorhergesehenen Nebeneffekt: Die sonst gut besuchten und gefüllten Bürogebäude wurden in Geisterhäuser verwandelt. Von heute auf morgen waren ganze Belegschaften nicht mehr im Büro, sondern saßen in der häuslichen Umgebung vorm Bildschirm.

Die Pandemie hat damit eine Entwicklung beschleunigt, die bereits seit Jahren zu beobachten war: Durch die technologischen Entwicklungen im Rahmen der Digitalisierung ist die Arbeit schon lange nicht mehr an feste Orte oder Zeiten gebunden und wird immer dezentraler. Die gewohnten und gelebten Arbeitsmodelle mit einer klaren Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatem verschwinden.

Abgelöst werden sie von den hybriden Modelle, bei denen die Arbeitnehmenden einen Teil ihrer Arbeitszeit – oder auch die gesamte Zeit – im Homeoffice oder an einem anderen passenden Ort in mobiler Arbeit verbringen. Mit dem Verschwinden der gewohnten Arbeitsmodelle und dem Wegfallen des Arbeitsweges wird auch die klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben immer schwieriger und die Grenzen verschwimmen immer mehr – es kommt zu einer sogenannten Entgrenzung.

Die Entwicklung zur Dezentralisierung und Flexibilisierung der Arbeit hat durch die Pandemie sicherlich einiges an Fahrt aufgenommen. Doch das Sinken der Infektionszahlen und das Ende der Home-Office Pflicht für Arbeitgeber wird diese Entwicklung kaum beeinflussen. Die Hybrid-Modelle werden uns auch zukünftig begleiten, schließlich sind sie bis zu einem gewissen Ausmaß auch von den Arbeitnehmenden gewünscht.

Dass sie die Zukunftsmusik sind, zeigt auch die Studie des Stuttgarter Frauenhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen haben beschlossen, die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, nach der Corona Krise auszuweiten. Damit wird und auch die Entgrenzung der Arbeit mit ihren Folgen für die Work-Life-Balance der Arbeitnehmenden zukünftig begleiten.

Welche Folgen hat die Entgrenzung?

Wenn die Grenze zwischen dem privaten Umfeld und dem Arbeitsplatz verschwimmt, droht sich zugleich auch die klare Aufteilung zwischen Freizeit und Arbeitszeit aufzulösen. Berufliche E-Mails im Feierabend lesen, Mittagessen am Schreibtisch essen oder in der Freizeit noch schnell ein geschäftliches Telefonat führen – für viele Arbeitnehmende ist das mittlerweile alltäglich.

Gefährdet das eigene Arbeitshandeln die Gesundheit wird von „interessierter Selbstgefährdung“ gesprochen. Betroffen sind Menschen, die z. B. ihre Arbeitszeit, ausdehnen oder intensivieren, Substanzen zum Erholen einnehmen, trotz Krankheit oder Unwohlsein arbeiten oder Sicherheits- und Schutzstandards umgehen.

Insbesondere Arbeitnehmende, die den überwiegenden Teil ihrer Arbeit aus dem Home-Office erledigen, finden es schwierig sich der interessierten Selbstgefährdung zu entziehen und eine gesunde Balance zwischen dem Arbeiten und Nicht-Arbeiten, eine Work-Life-Balance, zu finden. So erledigen Studien zu Folge 64% der Beschäftigten Berufliches in ihrer Freizeit. Berufliche E-Mails lesen beispielsweise noch 42 % der Deutschen nach Feierabend. Entsprechend fällt es 38 % der Tele-Arbeiter schwer, am Abend abzuschalten. 42 % denken beispielsweise noch an Schwierigkeiten bei der Arbeit. Die Selbstausbeutung der betroffenen Beschäftigten bleibt dennoch oft unbemerkt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat gemeinsam mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO eine Analyse veröffentlicht, die jedem deutlich vor Augen führt, wie gefährlich solche Tendenzen sein können. Zu lange Arbeitszeiten seien unter anderem verantwortlich für etwa ein Drittel aller mit der Arbeit in Verbindung stehender Erkrankungen, so WHO und ILO. Damit sei dies der größte Risikofaktor, berufsbedingt zu erkranken. Wer 55 Stunden oder mehr anstelle von 35 bis 40 Stunden in der Woche arbeite, erhöhe das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um 35 Prozent. Das Risiko einer ischämischen Herzerkrankung steige im gleichen Fall um 17 Prozent. Eine Erkenntnis, die niemand gern hört oder liest. Hinzu kommen psychische Belastungen aufgrund der fehlenden Erholung, wie z. B. ein verringertes Wohlbefinden sowie eine geringe Lebenszufriedenheit, Erschöpfung, körperliche Beschwerden, Schlafstörungen oder sogar ein Burn-Out.

Pandemiebedingte Arbeitsplatzunsicherheiten, Zukunftsängste, eine angeschlagene mentale Gesundheit, Personalabbau oder eine gute Auftragslage bieten der interessiertem Selbstgefährdung den perfekten Nährboden und machen sie zu einem der größten Gesundheitsrisiko-Faktoren, die es derzeit gibt. Dennoch werden bislang in weniger als der Hälfte der Unternehmen sinnvolle Strategien zum Umgang mit Entgrenzung verfolgt.

Arbeits- und Gesundheitsschutz im Home-Office:

Das Problem der Entgrenzung von Arbeit und Privatleben ist durch die beschleunigte Entwicklung der Dezentralisierung und Flexibilisierung der Arbeit sowie anderer Corona-Brände, wie z. B. das Infektionsgeschehen oder die soziale Isolation, einfach durchgerutscht. Die Wahrnehmung dieses Problems findet erst langsam statt. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz konnte mit der Entwicklung schlichtweg nicht Schritt halten. Gleichzeitig versagen die klassischem Schutzmodelle fast vollständig, da der Arbeitnehmer im Modus der „intrinsischen Selbstgefährdung“ Sicherheits- und Schutzstandards autonom umgeht. Regelungen zu Höchstarbeitszeit, Ruhepausen und Ruhezeiten sowie das Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit zwangsweise werden nicht mehr eingehalten. Umso wichtiger ist es, dass Arbeitgeber und Betriebsräte Schritte unternehmen und flexible Arbeitsformen in guter langfristig erhaltender Gesundheit realisieren.

Weg von Entgrenzungserleben hin zum mentalen Feierabend:

Pausen einplanen, sich bewegen, Routinen etablieren, Lüften, Pausen machen, zur Arbeit-gehen-spielen – zu Beginn der ersten Welle der Corona Pandemie hagelte es in Artikeln nur so von Tipps und Tricks, wie effizient und gesund von zu Hause gearbeitet werden kann und worauf geachtet werden soll. Ohne Frage sind diese Maßnahmen und Strategien auch, wenn sie einfach erscheinen mögen, wichtig und helfen psychische Belastungen wie die, die durch eine unausgewogene Work-Life-Balance im Home-Office entstehen können, zu reduzieren. Gleichzeitig sind sie nicht der Königsweg, um ein Home-Office gesund zu gestalten und, um mit den Herausforderungen umzugehen. Die Fähigkeit zur Ab- und Begrenzung müssen viele Arbeitnehmendeerst noch erlernen. Entsprechend muss auch das betriebliche Gesundheitsmanagement bis ins Home-Office vordringen und an die digitalisierte Arbeitswelt angepasst werden. Hierfür ist es wichtig, dass die klassischen „Tipps & Tricks“ fürs Home-Office, um weitere, komplexere Maßnahmen erweitert werden und die Belegschaft optimal unterstützt wird. Neben den verhältnisorientierten Interventionen, die auf eine Reduktion beeinträchtigender Auslösefaktoren abzielen, können verhaltensorientierte Interventionen über Trainings das mentale Abschalten der Belegschaft von der Arbeit direkt und indirekt verbessern und somit psychische Gesundheit und Wohlbefinden nachhaltig stärken. Arbeitsreflexion, Achtsamkeitstrainings oder Stress- und Entspannungstrainings können beispielsweise nachweislich das mentale Abschalten und Entspannung sowie das Distanzieren von negativen Emotionen fördern – sogar bei bereits beeinträchtigten Menschen. Ein ersten Schritt kann dabei z. B. das Online-Training „Stark durch die Krise“ darstellen. Zeitgleich sollten im Rahmen der verhältnisorientierten Interventionen produktivitätssteigernde Managementkonzepte identifiziert werden.

Die Rolle des Betriebsrats:

Dem Betriebsrat fällt eine Schlüsselrolle zu. Er muss prüfen, ob im eigenen Betrieb interessierte Selbstgefährdung, Entgrenzung sowie weitere gesundheitsrelevante Risiken vorliegen und prüfen, welche Arbeitnehmenden besonders betroffen sind. Dabei sollte er seine Möglichkeiten von Gesprächen bis hin zu Gefährdungsanalysen oder der Nutzung von externen Hilfsmitteln vollständig ausgeschöpft werden, um der massiven Gesundheitsgefährdung entgegenzuwirken.

Im Rahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes müssen die Möglichkeiten kreativ genutzt werden, die den Betriebsräten zur Verfügung stehen. Dem Betriebsrat muss der Spagat gelingen ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen und gleichzeitig bereits erste Maßnahmen zum Schutz der Arbeitnehmenden zu ergreifen. Ein zentraler Schritt ist hierbei mittels einer guten Öffentlichkeitsarbeit Verständnis zu schaffen und begleitend in der Gesundheitsprävention Lösungen anzubieten.

Problematisch ist, dass das oftmals liebgewonnene Homeoffice in der Folge eine negative Wahrnehmung bekommt. Die positiven Aspekte sollen nicht schlecht gemacht werden, sondern das Risiko und das Problem muss erkannt werden.

Der Betriebsrat muss man lernen, dass es die kleinen Schritte sind, die den Arbeitenden helfen können. Eine Pausenkultur schaffen, Entspannungsübungen etablieren oder die Ergonomie des Arbeitsplatzes im Home-Office verbessern – das sind einfache kleine Maßnahmen und Strategien, die in der Gesamtheit schon eine erste positive Wirkung haben können.

Wie das Abschalten gelingt:

Wie das in der Praxis gelingen kann, betrachten wir in unserem Webinar „Entgrenzung im Home-Office: Wenn Grenzen verschwimmen“. Unter dem Motto „Betriebsräte für Betriebsräte“ zeigt ein erfahrener Betriebsratsvorsitzender welche Handlungsmöglichkeiten der Betriebsrat im Hinblick auf die Herausforderungen Flexibilisierung der Arbeit, Entgrenzung und psychische Gesundheit hat und wie die Umsetzung von Maßnahmen und Strategien in seinem Unternehmen gelungen ist. Der Erfahrungsbericht schafft einen einzigartigen Einblick in das praktische Arbeiten seines Betriebsrates und ist gleichzeitig ein Beispiel für die erfolgreiche Problemlösung im Rahmen der Betriebsratsarbe.

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