Psychische Belastungen

Andauernde psychische Belastungen führen häufig zu psychischen Erkrankungen. Auch 2022 erreicht der Arbeitsausfall aufgrund psychischer Erkrankungen einen neuen Höchststand. In den vergangen 10 Jahren ist die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Mitarbeitenden um 48 % gestiegen. Nach Karen Walkenhorst, Personalvorständin der TK, haben psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz die körperlichen Belastungen in ihrer Dringlichkeit in vielen Branchen überholt. Depression zählt als wichtigster Krankschreibungsgrund 2022, weil die Dauer der Fehltage, die mit psychischen Erkrankungen einhergehen, besonders hoch ist. Ein wesentlicher Faktor, der psychische Gesundheit beeinflusst, ist der Arbeitsplatz. Firmen sollten sich vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Studien der Krankenkassen verstärkt mit der psychischen Gesundheit der Belegschaft beschäftigen. Und das lohnt sich auch: Mit der Verbesserung der psychischen Gesundheit der Belegschaft lassen sich auch wirtschaftliche Unternehmensziele erreichen.

Was sind psychische Belastungen?

Nach dem Normenausschuss Ergonomie im Deutschen Institut für Normierung (1987) werden unter dem Konstrukt „psychische Belastungen“ die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen einwirken, verstanden. Die Auswirkungen der psychischen Belastungen werden als psychische Beanspruchung definiert. Betrachtet werden die individuellen, zeitlich unmittelbaren Auswirkungen auf den Menschen. Der Begriff Belastungen ist zunächst neutral zu verstehen, denn Belastungen können positiv (anregend, herausfordernd, motivierend) oder negativ (ermüdend, frustrierend) sein. Ob psychische Belastungen positive oder negative Auswirkungen haben, hängt von den vorhandenen Ressourcen und Stressoren (1), von deren subjektiver Bewertung (2) und von Bewältigungsfaktoren (3) ab.

Es lassen sich fünf Kategorien psychischer Belastungen unterscheiden:

 

  • Arbeitsumgebung: etwa Gestaltung der Arbeitsplätze und -mittel, Raumklima, Lärmbelästigung, Lichtverhältnisse;
  • Arbeitsorganisation und -ablauf: Handlungsspielraum der Beschäftigten, Zeitvorgaben für Aufgaben, Gestaltung von Dienstplänen und Pausen, Teamzusammensetzung usw.;
  • Arbeitsinhalte und -aufgaben: eintönige Aufgaben (Monotonie), große Verantwortung, Überforderung oder Unterforderung, Konfrontation mit Gewalt und Aggression im Arbeitsumfeld;
  • soziale Faktoren: etwa Kommunikation im Betrieb, Konflikte bis hin zu Mobbing, Verhalten von Führungskräften, Kolleginnen und Kollegen;
  • Arbeitsformen: z. B. befristete Arbeitsverträge, ständige Erreichbarkeit auch in der Freizeit.

Welche Rolle spielen Betriebsräte bei der mentalen Gesundheit?

Nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG hat der Betriebsrat bei der Umsetzung von Rahmenvorschriften in betrieblichen Regelungen zum Gesundheitsschutz mitzubestimmen. Das Mitbestimmungsrecht besteht dann, wenn eine Vorschrift existiert, die dem Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer dient und die dem Arbeitgeber eine Handlungspflicht mit einem gewissen Handlungsspielraum bei der Umsetzung auferlegt. Gesetzliche Vorschriften finden sich z. B. hier:
– Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)
– Arbeitssicherheitsgesetz (ArbSiG)
– Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)
– Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)
– Lastenhandhabungsverordnung (LasthandhabV)
– PSA-Benutzungsverordnung (PSA-BV)
– Gefahrstoffverordnung (GefStoffV)
– SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung (Corona-ArbSchV)

Unter Gesundheitsschutz fallen hierbei alle Maßnahmen, die die Gesundheit von der Belegschaft am Arbeitsplatz gewährleisten sollen. Der Betriebsrat hat beim Arbeits- und Gesundheitsschutz ein echtes Mitbestimmungsrecht. Das bedeutet, dass er gleichberechtigt mit dem Arbeitgeber entscheiden kann, wie welche Vorschrift konkret umgesetzt wird. Neben der Prävention von z. B. arbeitsbedingten Verletzungen oder ergonomisch gestalteten Arbeitsplätzen zählt ebenfalls die mentale Gesundheit zum Gesundheitsschutz hinzu. Sicherzustellen ist hierbei auch die präventive Gestaltung von Arbeitsbedingungen zur Erhaltung mentaler Gesundheit. In Betrieben mit mehr als zwanzig Arbeitnehmenden (Vollzeitäquivalente) müssen Betriebsräte außerdem einen Arbeitsschutzausschuss bilden und in diesem Rahmen z. B. Gefährdungsanalysen durchführen. Seit 2013 gehört die Berücksichtigung psychischer Belastungen bei der Beurteilung von Arbeitsbedingungen verpflichtend dazu (§5 ArbSchG).  Außerdem kann der Arbeitsschutzausschuss Vorschläge zu betrieblichen Arbeitsschutzmaßnahmen oder Präventionsprogrammen erarbeiten.

Der Betriebsrat hat im Rahmen des Gesundheitsschutzes auch ein Initiativrecht. Er kann selbst aktiv werden und dem Arbeitgeber Vorschläge unterbreiten, wie Vorschriften im Unternehmen umgesetzt werden könnten. Auch bei Maßnahmen, die bereits umgesetzt werden, hat der Betriebsrat die Möglichkeit Änderungen vorzuschlagen.

Insbesondere mit den Gefährdungsanalysen steht Betriebsräten ein Instrument zur Verfügung, um die mentale Gesundheit der Belegschaft sicherzustellen und psychische Belastungen aufzudecken. Bei der Durchführung von Gefährdungsanalysen hat der Betriebsrat ein Mitbestimmungsrecht (Bundesarbeitsgericht, 08.06.2004, 1 ABR 13/03) und kann z. B. Vorgaben zu Durchführung festlegen. Neben der Erfassung von klassischen Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit z. B. Maschinen sollten auch psychische Belastungen durch Stress, Leistungsdruck, Überlastung & Co. ermittelt werden. Auch hat der Betriebsrat die Möglichkeit die Unterweisung des Arbeitgebers im Betrieb mitzubestimmen z. B. im Hinblick auf Art, Umfang und Inhalt von Erläuterungen und Belehrungen zum Gesundheitsschutz.

Außerdem müssen Betriebsräte Hinweise auf Überlastungen der Belegschaft z. B. im Rahmen von Überlastungsanzeigen bearbeiten.

Fallen psychisch erkrankte Kollegen über einen längeren Zeitraum (mehr als 6 Wochen aus), sind Betriebsräte im Rahmen des BEM (betrieblichen Eingliederungsmanagements) gefragt.

Im Rahmen von Betriebsvereinbarungen können zusätzlich Regelungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz erfasst werden. Da es sich beim Arbeitsschutz um einen kontinuierlichen Prozess handelt, begleitet der Arbeits- und Gesundheitsschutz Betriebsräte permanent.

 

Psychische Belastungen als Ausgangspunkt für psychische Erkrankungen

Die psychischen Belastungen können als Belastungen oder als Herausforderungen empfunden werden. Werden sie als Herausforderung wahrgenommen, können sie positiven Folgen, wie z.B. Anregungs-, Lern- oder Trainingseffekte haben. Werden sie als belastend wahrgenommen, haben sie negative Folgen. Diese können sich körperlich, psychische oder verhaltensbezogen äußeren. Folgen sind z. B. Bluthochdruck, Empfinden von Monotonie, oder riskantes Verhalten oder Suchtmittelmissbrauch.

Reaktionen auf arbeitsbezogenen Stress können z. B. sein:

  • Kampf:
    • Mehrarbeit
    • Arbeitsablehnung
    • Medikamentenkonsum
    • Weiterbildung
    • Gespräche zur Lösungsfindung
    • Dampf ablassen
  • Flucht:
    • Tagträumen
    • Gespräche
    • Pausen
    • Krankmeldungen
    • Stellenwechsel
    • Sucht
    • innere Kündigung
  • erlernte Hilflosigkeit:
    • sich hinterfragen
    • Probleme hinnehmen
    • nichts tun und grübeln
    • keine Verhaltensänderung

Psychische Belastungen werden von psychischen Erkrankungen unterschieden. Psychische Belastungen gelten als Risikofaktor zur Entwicklung psychischer Erkrankungen.

Warum sind auch psychische Erkrankungen ein Problem für Betriebe?

Verbunden mit einem hohen Leidensdruck wirken sich psychische Erkrankungen auf die Arbeitsleistung der Betroffen aus. Konzentrationsstörungen, eine geringe Arbeitsleistung und hohe Fehlerquoten sind nicht selten die Folge. Außerdem gehen sie mit langen Ausfallzeiten einher. Ca. 30 Tage – also doppelt so lange wie die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage bei anderen Erkrankungen – fallen Betroffene aus. Das führt zu Mehrbelastung der anwesenden Kollegen, einer verringerten Planungssicherheit, Produktionsausfall, dem Verlust von Fachpersonal, Fluktuation und letztendlich einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Die Folgekosten arbeitsbedingter psychischer Belastungen und Erkrankungen sind erheblich.

Welche Vorteile hat die Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen für Betriebsräte und den Betrieb?

Betrieb und Betriebsrat profitieren von der Förderung mentaler Gesundheit. Mögliche Vorteile sind:
1. Der Betrieb kann seine Ausfallzeiten/Zeiten der Arbeitsunfähigkeit reduzieren.
2.Die betrieblichen Abläufe funktionieren reibungsloser, d. h. die Reibungsverluste im Betrieb werden minimiert und damit die Produktivität erhöht.
3.Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen kann gesteigert werden, was auch die Zufriedenheit seiner Kunden verbessert (Reduzierung von Reklamationen).
4.Er muss keine Vertretungen unter hohem Zeit- und Kostenaufwand organisieren und in den Betrieb eingliedern.
5.Wenn er mit allen seinen Mitarbeitern rechnen kann, ermöglicht das dem Betrieb besser auf neue Aufgaben zu reagieren.
6.Ein gesundes Betriebsklima bindet die Mitarbeiter an das Unternehmen, weil sie zufriedener sind. Damit entfällt ein kosten- und zeitintensiver Aufwand zum Ausgleich von Fluktuationen von Mitarbeitern.
7.Die Mitarbeiter sind gesünder und verfügen über mehr Wissen im Bereich Gesundheitsschutz.
8.Gesunde und zufriedene Mitarbeiter sind handlungsfähiger, motivierter und kreativer. Das kommt dem Unternehmen direkt zugute.
9.Nicht zuletzt genießt ein gesunder Betrieb ein besseres Image.

Wie kann die psychische Belastung im Betrieb erfasst werden?

Neben den Statistiken zum Arbeitsausfall können Umfragen helfen die psychische Belastung im Betrieb zu erfassen. Insbesondere standardisierte Fragebögen zu den häufigsten Krankschreibungsgründen (Depression, Belastungsstörungen, Sucht) sollten in die Umfrage integriert werden. Im Rahmen von Gefährdungsanalysen sind solche Umfragen mitbestimmungspflichtig.

Mit unserem Fragebogen können Sie schnell überprüfen, ob Ihre Kollegen und Kolleginnen psychische Belastungen erleben und ob ein Handlungsbedarf besteht. Wenn Sie das Gefühl haben, dass es bei Ihnen im Betrieb kein Handlungsbedarf gibt, fragen Sie sich wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Sind Sie zu 100% sicher, dass Ihre Einschätzung richtig ist? Welche anderen Gründe könnte es geben, die Sie dazu veranlassen eine solche Befragung für nicht wichtig zu halten? Ist das Thema bislang ggf. noch nie aufgegriffen worden? Stehen momentan andere Dinge an, die wichtiger sind? Oder stehen einem auch die eigenen Vorurteile im weg? Nutzen Sie den Moment und reflektieren Sie Ihre Beweggründe und Ihre Entscheidung.

Quellen für psychische Belastungen am Arbeitsplatz

Die Nationale Arbeitsschutzkonferenz (Berlin 2012) hat mögliche Quellen für psychische Belastungen am Arbeitsplatz identifiziert:
1. Arbeitsinhalt und ArbeitsaufgabeKritische Ausprägungen:
1.1 Vollständigkeit der AufgabeTätigkeit enthält nur
  • vorbereitende oder
  • ausführende oder
  • kontrollierende Handlungen
1.2 HandlungsspielraumDer/die Beschäftigte hat keinen Einfluss auf:
  • Arbeitsinhalt
  • Arbeitspensum
  • Arbeitsmethoden/-verfahren
  • Reihenfolge der Tätigkeiten
1.3 Variabilität (Abwechslungsreichtum)Einseitige Anforderungen:
  • wenige, ähnliche Arbeitsgegenstände und Arbeitsmittel
  • häufige Wiederholung gleichartiger Handlungen in kurzen Takten
1.4 Information/Informationsangebot
  • zu umfangreich (Reizüberflutung)
  • zu gering (lange Zeiten ohne neue Information)
  • ungünstig dargeboten
  • lückenhaft (wichtige Informationen fehlen)
1.5 Verantwortung
  • unklare Kompetenzen und Verantwortlichkeiten
1.6 Qualifikation
  • Tätigkeiten entsprechen nicht der Qualifikation der Beschäftigten (Über-/Unterforderung)
  • unzureichende Einweisung/Einarbeitung in die Tätigkeit
1.7 Emotionale Inanspruchnahme
  • durch das Erleben emotional stark berührender Ereignisse (z. B. Umgang mit schwerer Krankheit, Unfällen, Tod)
  • durch das ständige Eingehen auf die Bedürfnisse anderer Menschen (z. B. auf Kunden, Patienten, Schüler)
  • durch permanentes Zeigen geforderter Emotionen unabhängig von eigenen Empfindungen
  • Bedrohung durch Gewalt durch andere Personen (z. B. Kunden, Patienten)
2. ArbeitsorganisationMögliche kritische Ausprägung:
2.1 Arbeitszeit
  • wechselnde oder lange Arbeitszeit
  • ungünstig gestaltete Schichtarbeit, häufige Nachtarbeit
  • umfangreiche Überstunden
  • unzureichendes Pausenregime
  • Arbeit auf Abruf
2.2 Arbeitsablauf
  • Zeitdruck/hohe Arbeitsintensität
  • häufige Störungen/Unterbrechungen
  • hohe Taktbindung
2.3 Kommunikation/Kooperation
  • isolierter Einzelarbeitsplatz
  • keine oder geringe Möglichkeit der Unterstützung durch Vorgesetzte oder Kollegen
  • keine klar definierten Verantwortungsbereiche
3. Soziale BeziehungenKritisch können sein:
3.1 Kollegen
  • zu geringe/zu hohe Zahl sozialer Kontakte
  • häufige Streitigkeiten und Konflikte
  • Art der Konflikte: soziale Drucksituationen
  • fehlende soziale Unterstützung
3.2 Vorgesetzte
  • keine Qualifizierung der Führungskräfte
  • fehlendes Feedback, fehlende Anerkennung für erbrachte Leistungen
  • fehlende Führung, fehlende Unterstützung im Bedarfsfall
4. ArbeitsumgebungBeispiele für negative Auswirkungen
4.1 Physikalische und chemische Faktoren
  • Lärm/Beleuchtung/Gefahrstoffe
4.2 Physische Faktoren
  • ungünstige ergonomische Gestaltung
  • schwere körperliche Arbeit
4.3 Arbeitsplatz und Informationsgestaltung
  • ungünstige Arbeitsräume, räumliche Enge
  • unzureichende Gestaltung von Signalen und Hinweisen
4.4 Arbeitsmittel
  • fehlendes oder ungeeignetes Werkzeug bzw. Arbeitsmittel
  • ungünstige Bedienung oder Einrichtung von Maschinen
  • unzureichende Softwaregestaltung

Wie können Betriebsräte mit Widerstand umgehen?

Falls Sie in Ihrem Betrieb bereits auf Widerstand gestoßen sind oder dort die Meinung vertreten wird, dass eine Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz nicht notwendig sei, haben wir Ihnen hier ein paar praktische Empfehlungen zum Umgang zusammengestellt:

Umgang Widerstand 1
Umgang Widerstand 2